Glaubst du noch, oder zweifelst du schon?

Inzwischen hat es sich auch unter „gläubigen“ Christ*innen eingebürgert, Zweifel zu akzeptieren. Das ist gewiss ein Fortschritt. Noch vor 50 Jahren waren Zweifel Zeichen der Abtrünnigkeit. Zweifelnde riskierten ihr Heil. Wer nicht glaubte, flog raus. Wer nicht glaubte, und im Kontext von Kirche blieb, redete lieber nicht darüber. Und was zu glauben war, war in die Sätze des Erwachsenenkatechismus gegossen. Es ging dabei nicht immer um „Verstehen“, es ging auch nicht immer darum, eine vertrauensvolle Beziehung zu Gott aufzubauen. Es ging darum, das „Richtige“ zu glauben.

Inzwischen hat es sich auch unter „gläubigen“ Christ*innen eingebürgert, Zweifel zu akzeptieren. „Zweifel gehören zum Glauben dazu.“ So richtig das ist, so wenig werden damit die Untiefen ausgelotet, die in Zweifeln stecken können. Für viele ist dieser Satz ein Freibrief, nicht alles glauben zu müssen und unangenehme und bohrende Fragen hinter sich zu lassen. Wer immer noch irgendwie glauben kann, und an seinen Zweifeln nicht verzweifelt, hat den Schmerz der Zweifel nicht wirklich geschmeckt. Der Schmerz liegt im Verlust Gottes. Der Zweifel ist umfassend, und er ist durch nichts zu lindern. Er bedeutet, nicht mehr glauben, nicht mehr vertrauen zu können. Manchmal zweifeln wir „nur“ an „etwas“, z.B. an der Allmacht Gottes. Manchmal ist der Zweifel umfassend und Gott selbst geht verloren, egal ob allmächtig oder nicht.

Das geschieht, es widerfährt. Es wird nicht bewusst oder freiwillig herbeigeführt. Wenn es gut geht mit dem Zweifel, dann stellt sich rückblickend die Erkenntnis ein, dass nicht Gott selbst, sondern „Gottesbilder“ verloren gingen. Doch das ist im Augenblick der Nacht des Zweifels nicht sichtbar. So ist der Schmerz über den Gottesverlust total.

Wenn es gut geht, kommt der Tag, an dem uns Gott ganz neu geboren wird: unverhofft. Vielleicht merken wir im ersten Augenblick gar nicht, dass sich Gott uns neu schenkt, weil wir die Erfahrung, die wir machen, nicht mit Gott zusammen bringen. Aber irgendwann „sehen“ wir neu.

Oder wie es ein Weihnachtslied ausdrückt:

Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren und hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt, erkoren. Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden. (Gl 256)

Herzlich, Ruth Fehling

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