Exegetisches zur Taufe des Herrn – 10. Januar 2021

Heute feiern wir die Taufe des Herrn. Damit wird offiziell der Weihnachtsfestkreis beendet.

Die Erzählungen der Taufe Jesu sind exegetisch interessant, ermöglichen sie uns doch einen Blick in das damalige, historische Geschehen. Alle Evangelien bemühen sich um eine Zuordnung von Jesus und Johannes. Johannes tritt zuerst öffentlich auf. Jesus kommt erst nach ihm. Exegeten gehen heute von einer starken Johannes-Bewegung aus, also dass Johannes wie Jesus Jünger*innen um sich gesammelt hat und eine charismatische Gestalt war. Zwei konkurrierende Bewegungen – und zunächst war nicht klar, wer von den beiden der Gewichtigere ist. Die Evangelien klären das eindeutig. In ihnen wird Johannes als der beschrieben, der zeitlich gesehen vor Jesus auftrat (was wohl der historische Kern ist), jedoch nur, um auf Jesus hinzuweisen. Johannes macht sich klein, er ist nur der Vorbote. Er tauft nur mit Wasser, Jesus tauft mit dem Heiligen Geist (was alles theologische Deutung ist, die als Deutung Wahrheit für sich beansprucht).

Interessant ist zudem, dass sich Jesus überhaupt taufen lässt. Theologisch bereitet das gehörig Probleme, – oder die Notwendigkeit, die Taufe Jesu kreativ und innovativ zu deuten. Alle Evangelisten lassen keinen Zweifel daran, dass Johannes mit Wasser taufte zur Umkehr und zur Vergebung der Sünden, um dem kommenden Gericht zu entgehen. Darin lag die Kraft der johannäischen Taufe. Wenn sich Jesus nun in die Schar der Taufanwärter einreiht, warum tut er das? Die Antwort liegt nahe: weil auch er als Sünder die Notwendigkeit der johannäischen Taufe sieht.

Historisch wird vermutet, dass sich Jesus tatsächlich in die Schlange stellte und taufen ließ, zur Vergebung der Sünden. Theologisch passte das später überhaupt nicht ins Konzept: ein Jesus, der sich in die Schar der Johannesjünger einreiht? Ein Jesus, der die Vergebung seiner Sünden benötigt? Es wäre sehr naheliegend, die Geschehnisse am Jordan so zu deuten.

Um ehrlich zu sein: Ich schätze diese historisch naheliegende Deutung durchaus. Jesus ist hier wirklich Mensch unter Menschen. Auch dass er nicht sündenfrei durchs Leben läuft, schreckt mich nicht. Dass er selbst bedürftig ist, schreckt mich ebenfalls nicht. Auch wenn dies alles wirklich der Häresie verdächtig ist.

Theologisch ging das alles nicht. Jesus ist das Lamm Gottes (Joh 1,29), und nur ein „fehlerfreies“ Lamm konnte im alttestamentlichen Sühnekult wirklich Sünden tilgen. Also: Nur jemand, der selbst sündenfrei ist, kann die Sünden anderer tilgen. Jesus ist genau der, der unsere Sünden hinwegträgt, und der selbst ohne Sünde ist.

Wenn Jesus aber ohne Sünde ist, für wessen Sünde lässt er sich dann taufen? Die neutestamentlichen Theolog*innen waren wirklich raffiniert, oder klug :-): Die Taufe Jesu zu leugnen ging wohl nicht, dazu war sie zu bekannt. Und es wäre ja auch schade gewesen. Die Taufe Jesu wird bei ihnen zu dem Ort, an dem Jesus als der geliebte Sohn Gottes offenbar wird. Der Heilige Geist kommt in seiner Taufe auf ihn herab. Geisterfüllt verschwendet Jesus den Geist Gottes in die Welt hinein. Und die Taufe der Christen wird zu dem, was sie heute ist: Angenommen als Gottes geliebte Kinder sind wir in seinen Geist eingetaucht, damit wir aus ihm heraus Leben können.

Noch ein letztes: Wenn Sie die „Taufe“ Jesu bei Johannes nachlesen (Joh, 1,29ff) werden Sie darüber stolpern, dass der Evangelist Johannes die Taufe selbst gestrichen hat. Das Ambiente (der Täufer Johannes, Thema Taufe, Geist, Sohn Gottes) werden dagegen genannt. Warum macht das Johannes so? Das ist exegetisch gar nicht so ganz klar. Joachim Kügler erklärt es in seinem Johanneskommentar so: „Vermutlich soll verhindert werden, dass die Taufe Jesu missverstanden wird als Einsetzung zum Sohn Gottes durch die Salbung mit dem Heiligen Geist. Ein solches Sohn-Werden ist aber im JohEv für Jesus nicht möglich, denn der Logos, der in Jesus zur Welt gekommen ist, ist ja von Ewigkeit her immer schon der Sohn Gottes. Johannes der Täufer betätigt sich als Zeuge für Jesus, und sein Zeugnis hat Wirkung.“

Das sind dann schon Fragen, die tief in die Christologie hineinreichen, also in das Nachdenken darüber, wer Christus ist. Im neuen Testament haben wir dazu noch unterschiedliche Konzepte zu der Frage, ab wann Jesus Sohn Gottes ist: Jesus wird durch seine Auferstehung eingesetzt zum Sohn Gottes in Macht (Röm 1,4), oder bei seiner Taufe, bei seiner Zeugung, – oder er ist es eben seit Urbeginn der Zeiten. Seit Urbeginn der Zeiten: Diese Überzeugung des Johannes hat sich theologisch im Christentum durchgesetzt.

Genug der Exegese. Genug nachgedacht.

Und jetzt ganz praktisch: Kerze anzünden, Wasser nehmen, sich ein Kreuzchen auf die Stirn zeichnen: „Danke Gott, dass ich getauft bin, danke dass ich von dir geliebt bin als Sohn und als Tochter, danke, dass du mir deinen Heiligen Geist geschenkt hast.“

Herzliche Grüße, Ruth Fehling

Ein Gedanke zu „Exegetisches zur Taufe des Herrn – 10. Januar 2021“

  1. Lieben Dank für diese Ausführungen zum heutigen Evangelium,
    das uns in so viele Richtungen denken und fühlen lässt.

    Beim Spaziergang heute, habe ich herrliche Himmelsbilder wahrgenommen und mir dann tatsächlich das Geschehen des heutigen Eangeliums vorgestellt, und angesprochen im heutigen Evangelium hat mich, dass Jesus sich zu den Menschen gesellt hat, sozusagen Schulter an Schulter mit den anderen Tauf-Willigen- damals hieß es Taufen zum Bereuen der Sünden, die Szene muss für die Menschen der Zeit verwirrend gewesen sein- . Dieses Bild berührt mich, und macht mir deutlich, ohne Jesu Taufe im Jordan ist unsere Taufe nicht zu denken: So sind wir von Anfang an als Erlöste in S E I N E LI E B E hineingenommen
    Für mich ist das auch eine logische Fortsetzung des „Und das Wort ist Fleisch geworden“.
    Die Lesung aus dem ersten Johannesbrief von heute ergänzt den Evangeliumstext wunderbar mit dem Satz diese drei sind Zeugen: Der Geist, das Wasser und das Blut.
    Aber nicht zuletzt die Zusage „Du bist mein geliebter Sohn“ an Jesus vom Vater und so an uns kann uns hoffen lassen .
    Ich stelle mir vor als Mutter dies zu einer Tochter oder einem Sohn zu sagen, einmalig, einfach ein Segen, vielleicht sollten wir das einfach in aller Überzeugung mal tun, was für ein Segens-Spruch! Erinnert mich an das schöne Buch von Henri J.M Nouwen mit dem Titel „Du bist der geliebte Mensch“, nicht immer leicht zu glauben, aber vielleicht sollten wir es immer öter glauben und immer öfter anderen zu-sagen!

    Danke für diesen wertvollen Impuls.
    B. Ring-Rohr

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