Zwischen Ostern und Pfingsten

Jesus ist auferstanden. Eine ganze Weile ist er immer wieder bei seinen Freund*innen gewesen, und sie konnten ihn sehen, mit ihm essen und trinken, und auch alles Wichtige miteinander besprechen. Die Jünger*innen haben in dieser Zeit gelernt, dass Jesus nicht mehr tot ist. Er lebt wirklich! Das war für sie unglaublich und es ist sicher gut, dass Jesus so oft sichtbar bei ihnen war.

Doch auch diese Zeit ist vorbeigegangen. An Christi Himmelfahrt feiern wir, dass Jesus in den Himmel aufgenommen wird und so wieder bei Gott ist. Die Erfahrung der frühen Christen war, dass er dadurch unsichtbar bei uns ist, und uns zusätzlich noch seinen Heiligen Geist geschickt hat.

Manchmal überlege ich mir, warum das alles so kompliziert sein musste. Zudem hätte ich Jesus auch gerne mal „live“ gesehen, als Auferstandenen. Ich stelle mir vor, dass es dann leichter ist, an ihn und seine Auferstehung zu glauben. Allerdings zeigt uns die Geschichte vom ungläubigen Thomas, dass auch dieses „Sehen“ nicht unbedingt zum Glauben führte. Thomas will in die Wunden von Jesus langen – und erst wenn er das tun darf, dann will er glauben. Wie tröstlich, dass Jesus diesen seinen Wunsch so ernst genommen hat.

Wir leben 2000 Jahre nach Christus und keiner von uns hat Jesus „live“ gesehen. Trotzdem bezeugen viele Menschen „Christuserfahrungen“, die wirklich unter die Haut gehen und ins Herz fallen. Sie haben sozusagen mit ihren inneren Augen „gesehen“, dass Jesus lebt und da ist. Ich selbst habe auch solche Erfahrungen gemacht, sie sind ein echter Schatz. Sie wecken in mir einen tiefen Glauben. Und sie sind interessanterweise genauso real wie z.B. ein Sonnenaufgang. Wir haben Seelenantennen – und diese öffnen uns einen Zugang zu der nicht sichtbaren Wirklichkeit.

Was wäre der Nachteil gewesen, wenn Jesus weiterhin „live“ unter uns wäre? Ich glaube, dann würden wir immer wieder dasitzen und warten, bis Jesus erneut durch die verschlossene Türe kommt. Und dann verschwindet er wieder, bis zum nächsten Mal. Dieses Sehen des Auferstandenen, für die ersten Jünger eine unendlich kostbare Erfahrung, kann auch zu einer Fixierung führen. Wann kommt er das nächste Mal?

Wir dagegen beten und bekennen: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen. Immer und überall.“

Im Johannesevangelium sagt Jesus zu Maria am Ostermorgen: „Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zu meinem Vater aufgestiegen, zu meinem Gott, und zu eurem Gott.“ Das bringt es gut auf den Punkt. Das „live“ Sehen kann Glauben wecken, aber es kann eben auch zu einer Fixierung führen. Und Jesus ist hier noch nicht am Ende seines Weges angelangt. Wenn sich Jesus der Sichtbarkeit entzieht, so nur, um IMMER in uns allen gegenwärtig zu sein. Als Unterpfand für diese Gegenwart empfangen wir den Heiligen Geist. Das feiern wir an Pfingsten.

Viele Grüße, Ruth Fehling

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