Wenig dialogfördernd

Text: Ruth Fehling, Bild: Pixibay

In der BNN von heute, dem 10. Mai, steht ein Artikel mit der Überschrift „Pfarrer segnen homosexuelle Paare.“ Dazu habe ich schon Verschiedenes geschrieben und muss es heute nicht noch einmal tun. Es ist uns allen bekannt, dass die Verlautbarungen aus Rom in Deutschland auf nachhaltigen Widerstand stoßen. Das Thema, das ich heute unter die Lupe nehmen möchte, ist ein anderes: Wer verhält sich in dieser Situation des Konflikts in welcher Weise dialogfördernd oder auch nicht? Ist Widerstand dialogverhindernd? Ist er deswegen schlecht?

In dem oben genannten Artikel heißt es: „Die Aktion #liebegewinnt stößt in der Erzdiözese Freiburg nicht auf allzu große Sympathie. Eine Sprecherin erklärt dazu: ‚Segnungsgottesdienste als kirchenpolitische Manifestation abzuhalten, halten wir (…) für wenig dialogfördernd innerhalb der katholischen Kirche.‘ Der Synodale Weg – ein derzeit laufender Reformprozess – scheine für diese grundlegenden Diskussionen das geeignetere Forum darzustellen.“

Wie argumentiert die Sprecherin? Als erstes werden die Segnungsgottesdienste als kirchenpolitische Manifestation interpretiert. Damit wird sie den Pfarrern jedoch nicht gerecht. Sie wollen homosexuelle Paare segnen, und sie tun dies, ja, das ist richtig, öffentlichkeitswirksam. Das wäre normalerweise nicht nötig. Die Kirchenleitung hat jedoch in diesem Fall vorgelegt. Sie selbst hat ein kirchenpolitisches Manifest abgegeben, „alle Welt“ redet davon. In einer solchen Situation muss jeder, der sich mit homosexuellen Menschen wirklich solidarisieren will, nachziehen. Im stillen Kämmerlein geht das nicht mehr. Also: Der Vatikan hat die Diskussionsform bestimmt, und nun wird beklagt, dass andere ebenfalls öffentlich Stellung beziehen? Ich finde das naheliegend und reibe mir doch etwas verwundert die Augen.

Und weiter: Den Pfarrern zu unterstellen, es ginge ihnen in ihrer Aktion um eine kirchenpolitische Manifestation, bleibt eine mindestens einseitige Unterstellung. Es geht den Pfarrern, und dies möchte ich selbst ihnen unterstellen, primär um die Würde von Beziehungen homosexueller Menschen. Diese soll geschützt werden, diese soll gesegnet werden. Und erst dann, als zweites: Wenn diese Würde öffentlichkeitswirksam abgesprochen wird, dann ist es durchaus angemessen, diese Segnung ebenfalls öffentlichkeitswirksam zu gestalten.

Weiter in dieser Stellungname: Diese Segnungsgottesdienste – als kirchenpolitische Manifestationen gedacht (was, wie wir gesehen haben, Interpretation ist), seien nicht dialogförderlich. Der synodale Weg sei geeigneter als Ort der Dialogs.

Ob letzterer das wirklich, sei einfach mal in Frage gestellt. Die meisten synodalen Mitglieder sind immer noch männlich und Priester. Die Machtverhältnisse sind immer noch ungleich verteilt. Das braucht noch ein bisschen Arbeit und noch viel mehr Gottvertrauen, dass aus dem synodalen Prozess wirklich ein dialogischer Prozess wird. Ob der Prozess seinerseits von Rom ernst genommen wird, werden wir noch sehen.

Was ist mit der These, dass diese Segnungsgottesdienste nicht dialogförderlich seien? Dazu denke ich unterschiedliches: Vielleicht wollen die entsprechenden Pfarrer gerade auch keinen Dialog? Vielleicht wollen sie den offenen Konflikt? Vielleicht wollen sie sich vor allem gegen den Vatikan positionieren – und so ein Kräftegleichgewicht herstellen?

Darüber hinaus ist zu fragen: Entschuldigung – welcher Dialog? War da irgendwo noch einer? Hatte nicht Rom den Dialog für beendet erklärt und gesagt, wo es lang geht? Ich möchte hier eines klar stellen: Wer sich als erstes nicht dialogförderlich verhalten hat, ist Rom.

Wenn ein Dialog sowieso beendet ist bzw. klar ist, was innerhalb der katholischen Kirche als „wahr“ zu gelten hat, dann hat es das Gegenüber wirklich schwer. Wie soll es seine eigene Überzeugung geltend machen? Rom wäre am liebsten: gar nicht. Doch das funktioniert so nicht mehr. Wir erleben, dass die Pfarrer ihrerseits nicht hören, sondern homosexuelle Paare segnen. Damit gehen sie nicht mehr in einen Dialog, aber sie haben ihn ihrerseits weder beendet noch verhindert. Das hat Rom schon vorher erledigt.

Die Pfarrer gehen in den Widerstand. Was bleibt einem denn auch anders übrig, als seinem Gewissen zu folgen, in eine offene Konfrontation zu gehen und das zu tun, was man/frau für richtig hält? Durch solche Aktionen wird wenigstens wieder Augenhöhe erreicht. Der Vatikan will Untergebene, denen er sagen kann, wo es lang geht. So funktioniert aber Kirche im 21. Jahrhundert nicht mehr.

Jesus sagt uns im Evangelium vom Wochenende: Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe (Joh 15).

Rom macht sich nicht die Mühe, uns als Freunde oder Partnerinnen zu sehen. Der Vatikan behandelt uns wie unmündige Knechte. Er beendet vorzeitig Dialoge. Er sagt uns, was richtig ist. Und unsere Diözesanleitung? Sie stellt sich auf die Seite Roms. Sie könnte theoretisch auch unsere Interessen gegenüber Rom deutlicher vertreten. Schließlich ist Hr. Burger UNSER Bischof, UNSER Hirte. Aber das tut er nicht. Er kann die Entscheidung so treffen, aber er müsste das nicht.

Es ist also echter Tobak, den „Protestierenden“ zu unterstellen, sie würden sich nicht dialogförderlich verhalten. Vor allem, wenn man es selbst nicht tut. Da fällt mir dann nur noch das Bild vom Balken und dem Splitter vor den Augen ein. Sie wissen schon. In diesem Sinn: Es ist zur Zeit durchaus wichtig zu prüfen, ob ich der Kirchenleitung folge und/oder meinem eigenen Gewissen. Wenn mein Gewissen klar ist, dann nicht mehr fragen „darf ich?“, sondern einfach „machen“. Natürlich kann ich mich täuschen, die Gefahr besteht immer, aber die Kirchenleitung kann sich ebenfalls täuschen. Auch diese Gefahr ist real (außer sie spricht ex cathedra, aber das wäre ein neues Thema).

Viele Grüße, Ruth Fehling

Ein Gedanke zu „Wenig dialogfördernd“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

The maximum upload file size: 2 MB. You can upload: image. Drop file here