Die sieben Gaben des Heiligen Geistes – heute: Gottesfurcht

Bild und Text: Franz Linemann

Erkenntnis gewinnen, weise werden, stark sein – solche Gaben nehme ich gerne an. Wie ist es mit der Gottesfurcht? Was ist das für ein merkwürdiges Geschenk? Sie eröffnet mir den Zugang zum Urgrund unseres Lebens, jenem unnennbaren Geheimnis, das wir „Gott“ nennen. Furcht paart sich hier mit Staunen. Ich staune etwa über die Majestät eines hohen Berges. Fasziniert von seinem Anblick vernehme ich den Ruf: Komm! Doch beim Anstieg schaudert mich der Blick in den Abgrund, der immer tiefer und unheimlicher wird, je höher ich steige. Aber jeder weitere Schritt steigert die Begeisterung und zieht mich hinein in die grandiose Weite, die sich eröffnet. Worte fehlen, nur schauen und staunen, so viel Wunderbares rundum: Der Blick über mich hinaus in den schwarzblauen Himmel lässt die Ahnung eines unergründlichen Geheimnisses aufkommen: Reine Weite: Ah – Oh.

Das ist ein Bild. Der Geist Jesu Christi will uns im Geist der Gottesfurcht mitnehmen auf die Reise mitten hinein ins bildlose göttliche Geheimnis. Es ist zugleich die Reise zu mir selbst, in meinen eigenen Grund, meine Wesenswirklichkeit. Es ist „die längste Reise meines Lebens“, so Dag Hammarskjöld, der vielgereiste ehemalige UN-Generalsekretär.

Das Geschenk der Gottesfurcht geleitet mich auf diesem Weg im Weglosen. Sie gewährt Achtsamkeit, auch Respekt und Ernsthaftigkeit, zutiefst jedoch Sehnsucht und Liebe. „Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib…“ (Ps 63). Es erschreckt mich bisweilen, welch abgründige Wege mir zugemutet werden. Dann steigt die Frage in mir auf: Wie soll das weitergehen? Ich verstehe Gott und die Welt und mich selbst nicht mehr. Jetzt darf ich hören: „Fürchte dich nicht. Heiliger Geist wird über dich kommen. Bei Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1). Wenn die Geisteskraft der Gottesfurcht schweigend in mir atmet, darf ich ahnend verspüren: „Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). In Ihm ist mir das göttliche Geheimnis unheimlich nah. Sein Friede, mein Himmel ist in mir: Ah – Oh – Scha-l-om.

5 Gedanken zu „Die sieben Gaben des Heiligen Geistes – heute: Gottesfurcht“

  1. Hänge mich einfach heute nochmals an, warum?

    Einfach um Danke zu sagen, einerseits für die Idee, etwas zu Pfingsten zu schreiben, konkreter, zu den Gaben und Früchten des Heiligen Geistes; andereseits denen Danke zu sagen, die es – so liest es sich – gerne gewagt und getan haben, und Danke an Mirjam, die alles auf den Blog gesetzt hat und auch immer auf die Richtigkeit all dessen achtet, was was an Text, Zitaten und Bild erscheint.

    Pfingsten ist ja im Vergleich zu Weihnachten und Ostern eher ein kirchliches Fest, das nicht so im Fokus steht.
    Die Beiträge aber zeigen, welch großartiges Geschenk Pfingsten in den Gaben und Früchten des Heiligen Geistes ist. Gerne habe ich diese Beiträge gelesen und lese sie immer mal wieder, sie haben mir den Heiligen Geist noch schöner nahe gebracht und und es bleibt einfach großes Stauen und Freude wie liebevoll uns Gott hier beschenkt hat und immer wieder neu beschenkt.

    Eigentlich wäre es schön, die Beiträge in einem kleinen Heftchen , z.B“ Den Heiligen Geist verstehen und liebenlernen“ oder so ähnlich.

    Nochmals Danke an alle, die mitgemacht haben und irgendwie beteiligt waren.

    Barbara R.-R.

    1. Liebe Barbara,
      der Dank gebührt Ruth Fehling. Sie hat die Beiträge gesammelt und veröffentlicht.
      Liebe Grüße
      Mirjam

  2. Danke für diese tiefen Ausführungen zur Gottesfurcht.
    Die Worte des Psalm 63 „Gott, Du mein Gott, Dich suche ich, meine Seele dürstet nach Dir…“, welche wir/ich so oft in der Laudes beten, bekommen noch mal mehr ihre starke Bedeutung.
    Lieben Dank

    B. Ring-Rohr

  3. Ah – Oh
    Danke für diese Worte!
    Von der Weite in die Tiefe.
    Staunen über die Geisteskraft der Gottesfurcht, die in mir atmen darf!
    Staunen und danken.

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