Zur Situation in unserer Kirche – 8. Juni 2021

Dieser Artikel erscheint so im nächsten Pfarrblatt. Inzwischen haben sich die Dinge weiter entwickelt, unser Papst hat das Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx nicht angenommen. Da wir diesen Artikel aber im Team gemeinsam unterschrieben haben, sehe ich davon ab, hier die aktuellen Ereignisse noch einzufügen. Mal sehen, vielleicht gibt das einen neuen Text.

Viele Grüße, Ruth Fehling

„Wir sind – so mein Eindruck – an einem gewissen toten Punkt, der aber auch, das ist meine österliche Hoffnung, zu einem Wendepunkt werden kann.“ (Kardinal Marx)
So formuliert es Kardinal Marx in seinem Brief an Papst Franziskus. In diesem Brief bittet er den Papst darum, seinen Amtsverzicht anzunehmen. Das Rücktrittsgesuch ist zum Zeitpunkt des Pfarrblatt-Redaktionsschlusses das jüngste Erdbeben, das unsere Kirche heimsucht. Welche Folgen und Konsequenzen das für andere deutsche Bischöfe haben wird, bleibt abzuwarten.

Wir leben kirchenpolitisch gesehen in sehr unruhigen Zeiten. Menschen treten in Scharen aus unserer Kirche aus. Die Angst vor einer drohenden Kirchenspaltung, die viele als Zukunftsszenario beschwören, ist längst Wirklichkeit. Sie ist Gegenwart. Kirchenspaltung läuft heute nicht mehr so ab, dass sich eine neue Kirche gründen würde, so wie zu Zeiten des 1. Vatikanischen Konzils die altkatholische Kirche. Kirchenspaltung heute, das sind schleichende Prozesse, bei denen sich Menschen von der Kirche verabschieden, innerlich, in dem sie einfach fernbleiben, oder äußerlich, in dem sie austreten. Also: Wir sind schon mittendrin.


Kirche ist für viele Menschen keine Heimat mehr. Das ist wirklich tragisch. Kleriker wie Kardinal Wölki sind für viele ein rotes Tuch, Sinnbild des verlorenen Vertrauens, des berechtigten Misstrauens, Hirten, denen es scheinbar um ihren Posten geht und nicht um die Gemeinden. Manche Diskussionen um Rechtgläubigkeit oder um „Wahrheit“ erinnern an die Diskussionen Jesu mit den Schriftgelehrten und Pharisäern, die sich am Buchstaben und Gesetz festmachen, aber den Menschen und den Sinn der Gebote missachten.
Viele sagen, Jesus sei längst aus der Kirche ausgezogen. Das glauben wir nicht. So ist Gott nicht. Aber Jesu „Bleiben“ in seiner Kirche bedeutet nicht, dass „wir“ auf dem richtigen Weg sind. Sein Bleiben hängt mit seiner Treue zusammen, die nicht aufgibt. Jesus geht den Verlorenen nach. Er geht auch seiner Kirche nach, wenn sie verloren geht. Die Stunde der Kirche von heute könnte man als Stunde des Karfreitags interpretieren. Und es stellt sich für jeden von uns die Frage, welches unser Platz auf dem Kreuzweg ist. Verraten wir Jesus, wie Judas? Greifen wir zu Gewalt, wie Petrus? Verurteilen wir, wie Pilatus – und waschen hinterher unsere Hände in Unschuld? Haben wir ein Gesetz – und muss nach diesem Gesetz jemand „sterben“? Reichen wir ihm das Schweißtuch, wie Veronika? Rennen wir davon, wie seine Jünger? Helfen wir ihm, sein Kreuz zu tragen, wie Simon von Cyrene? Bleiben wir, wie die Frauen unter dem Kreuz? Beten wir mit ihm?


Es ist die Stunde des Übergangs. Wenn jemand im Sterben liegt, ist er nicht festzuhalten. „Wir sind an einem toten Punkt.“ Dass dies ein Kardinal sagt, gibt dieser Interpretation der kirchlichen Situation deutliches Gewicht. Auch hier stellt sich die Frage, wer dieses „Wir“ ist. Kardinal Marx hat es auf den institutionellen Machtapparat der Kirche bezogen. Und er hat sein eigenes „Ich“ mit eingeschlossen. Es geht also um die institutionalisierte Kirche und ihren Umgang mit der Lehre und den Menschen. Dazu gehören die Stichworte: Klerikalismus, Hierarchie, Machtmissbrauch, sexueller Missbrauch, ein falsches Gehorsamsverständnis, Pflichtzölibat, die Verweigerung, Frauen zu kirchlichen Ämtern zuzulassen, fehlende Wahrhaftigkeit und Unglaubwürdigkeit im Umgang mit dem eigenen Versagen. Diese Institution ist weit davon entfernt, Freude an einer lebendigen Gottesbeziehung vorzuleben und zu vermitteln.


„Wir sind an einem toten Punkt.“ Reanimation oder palliative Maßnahmen sind zwecklos. Zurück zum Alten ist weder sinnvoll noch möglich. Kirche lebt davon, dass sie sich immer wieder erneuert. – Der alte Lehrsatz „Ecclesia semper reformanda“ (Kirche ist immer zu erneuern) drückt etwas von der österlichen Hoffnung aus, von der Kardinal Marx spricht. Kirche wird sich neu öffnen und bereit sein, sich mit ihrem Ursprung Jesus Christus zu verbinden, sie wird die Lebenssituationen der Menschen neu wahrnehmen und neu im Licht Gottes verstehen lernen. Sie wird entdecken, dass es nicht ihre Aufgabe ist, auszugrenzen oder sich über den Willen Gottes zu ermächtigen („weil Gott es so will …“), sondern sie wird sich verletzlich machen, sie wird sich dem Geist Gottes öffnen, sie wird ein weites Herz haben. Sie wird umkehren. Kardinal Marx zeigt uns, wie das geht.
Und was heißt dies alles für uns als Kirche in Waldbronn-Karlsbad? Wir sind nicht am toten Punkt, dazu wächst zu vieles und ist sehr lebendig. Und gleichzeitig sind wir Teil dieser großen katholischen Kirche, in der so vieles im Argen liegt. Wie können wir in dieser Situation glaubwürdig Kirche sein, wie können wir Christus bezeugen? Diese Frage kann nur jeder für sich selbst beantworten – und wir sollten sie miteinander suchend beantworten.


Was sagen uns diese „Zeichen der Zeit“? Es ist Zeit, erwachsen zu werden. Es ist Zeit, selbst Kirche zu werden. Es ist Zeit, wirklich auf Jesus Christus zu schauen und auf sein Wort zu hören. Sein Wort wird sich in manchem von den Worten einiger Bischöfe unterscheiden. Das ist so. Es ist Zeit, uns selbst in unseren Glaubens- und Zweifelerfahrungen ernst zu nehmen. Es ist Zeit, uns von Jesus in die Nachfolge rufen zu lassen.
Franziskus (der aus dem 12. Jahrhundert) hat die Stimme Gottes so gehört: „Franziskus, bau meine Kirche wieder auf, die, wie du siehst, in Trümmern liegt!“ Das verstand Franziskus zuerst als Aufforderung, eine kleine Kapelle Stein für Stein wieder aufzubauen; erst im Laufe der Zeit erschloss sich ihm die volle Bedeutung. Er war dazu berufen, im Geist Gottes die Kirche zu erneuern, die damals von Spaltungen und Häresien erschüttert wurde. Wozu ruft Gott Sie?


Es werden weiterhin Menschen austreten. Andere werden bleiben. Für alles gibt es gute Gründe. Wir brauchen uns gegenseitig nicht zu verurteilen. Vielleicht ist es gut, nachzufragen und so oder so in Kontakt zu bleiben. Die Kirche Jesu Christi ist sowieso größer als unsere römisch-katholische Kirche. Und nicht alles, was in der römisch- katholischen Kirche ist, dient auch dem Reich Gottes.


Das Bild der Kirchenruine kann uns vielleicht anschaulich machen: Eine Kirche, die in Trümmern liegt, öffnet immerhin den Blick zum Himmel. Es regnet rein, ja, aber wir können auch in die Weite schauen, in den Himmel schauen. Und wir verstehen: Gott ist größer als wir selbst, er ist größer als unsere römisch-katholische Kirche.


Ruth Fehling, Torsten Ret, Thomas Ries, Gabriele Scholz, Ursula Seifert

Auch schon die hl. Katharina von Siena (1347-1380), Ordensfrau, Kirchenlehrerin und Schutzpatronin Europas (Gedenktag 29.04.) übte Kritik an der Kirche, deren Erneuerung ihr großes Ziel war. In ihren Briefen z.B. an den Nuntius oder an Bischöfe, nimmt sie kein Blatt vor den Mund. „Selten geht die Verwirrung in der Kirche vom Volk aus, meist liegt die Schuld am unheilvollen Geschehen bei den Geistlichen“.
Im Jahr 1375 schrieb Katharina an den päpstlichen Nuntius: „Ich sage nicht, die Kirche, die Braut Christi sei selbst angegriffen. Sie wird auch in Zukunft blühen, das ist mein Glaube. Aber es ist notwendig, sie bis zu den Fundamenten zu reinigen, wenn sie wieder blühen soll. Diese Grundreinigung und nichts anderes sollt ihr anstreben“.

Alexandra Kunz, GRef‘in

3 Gedanken zu „Zur Situation in unserer Kirche – 8. Juni 2021“

  1. Danke an alle, die hier geschrieben haben.
    Für mich selbst wäre es schön, sich mit anderen darüber austauschen zu können .
    Es gibt viel nachzudenken, viel zu fragen und zu sagen sicherlich auch viel zu tun, viel Möglichkeiten, aber so denke ich, viele werden in ihrem Glauben sich ins Private zurückzeiehn, wie gesagt, das, was ich lese mit jemanden austauschen zu können, von Angesicht sei es in Präsens oder online im Gehen oder,…genau das ist es!

    Liebe Grüße und eine gesegnete Woche,
    B. Ring-Rohr

    1. Für viele mag Glauben im Privaten möglich sein, aber für mich ist die Gemeinschaft essentiell. Solange ich Gemeinschaft in der Kirchengemeinde finde, Gleichgesinnte die sich nicht davor scheuen Kritik zu üben und Wege zu suchen lebendig Kirche für alle zu machen, solange bleibe ich. Weil meiner Überzeugung nach ein Austritt kaum Effekt hat. Nur wer bleibt kann seinen Teil an der Erneuerung (oder besser Erschütterung) tun.

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